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Teil 2

Am nächsten Tag fuhren wir mit der ungarischen Eisenbahn nach Balatonfüred an das Südufer des Balaton und wollten unsere Fahrräder in Empfang nehmen. Dort angekommen klappte das auch vorzüglich, die Fahhräder waren tatsächlich da. Vorsichtshalber hatte ich in der DDR noch meine Werkzeugtasche mit den notwendigen Werkzeugen, also einen so genannten Knochen und diverser Flicken bestückt. Man denkt vor! Die Fahrräder haben wir dann abgeholt, aber das Werkzeug wurde woanders wohl dringender gebraucht, so war die Satteltasche – leer.

Ansonsten war das Fahrrad im aufgegebenen Zustand.

Es war so gegen Mittag als wir unsere Drahtesel, die Fluchtfahrzeuge, abholten. In Füröd fanden wir dann eine Unterkunft in einem Privathaus.

Dann stützten wir uns in die Nacht, die bestand aus einem ausgiebigen Weingelage. Denn langsam wurde uns klar, jetzt wird es ernst. Entweder wir setzen unseren Fluchtversuch mit allen Konsequenzen um, oder wir kehren in die DDR zurück, mit den bereits genannten Auswirkungen. Not easy –aber der ungarische Tokajer lies uns dann ruhig schlafen….

Es ist Samstag, der 05.Septemer 1987 the escape goes on…der längste Tag des Lebens bis dahin, der sollte 72 h sein….

Wir sind so gegen 7 Uhr aufgestanden und haben unsere Fahrräder klar gemacht, es gab ja nicht viel zu tun bei den Dingern die wogen so stattliche 20 kg, dafür waren die stabil – so dachten wir jedenfalls.

Also auf und los so schmeckt also Wind, wir sind erst mal nur auf großen Strassen Richtung Süden geradelt immer nach NAGYATAD. Unterwegs strauchelte Günter und wäre fast von der Strasse abgekommen, die Pedale war komplett abgebrochen – schlechtesVorzeichen??? Nein!

Zum Glück ist es in einem Dorf passiert und wir hatten schnell einen Dorfschmied gefunden, der hat dann kurzer Hand die Pedale wieder angeschweißt. Wir waren ja nun einige -zig Kilometer unterwegs und waren in NAGYATAD. Es war so gegen Mittag und wir haben uns in einer Art Kantine noch mal richtig gestärkt, das bedeutete einen heiße Wurst zu essen und Traubisoda zu trinken ( Traubisoda – ein Softdrink in für uns gigantischen Literflaschen – war lecker – keine Ahnung ob es das heute noch gibt. Die heiße Wurst war ordentlich mit Knoblauch angemacht … das sollte noch Auswirkungen haben. Weiter ging es gegen Mittag, wir hatten ja noch ca. 50 km bis zu der Grenzstadt nach Jugoslawien, wir hatten keine Ahnung und Schiss wie junge Hunde….Also fuhren wir so, wie es uns später Jan Ullrich nachgemacht hat, allerdings ohne Gangschaltung und ohne sonstige Wegzehrung.

So ca. 15 km vor BRACS sahen wir den ersten der „ freiwilligen Grenzhelfer „ nur er sah in uns ungarische Bauerburschen auf dem Fahrrad. Wir merkten langsam unser Plan war doch ein Plan und kein Versuch!

Die Angst bringt gigantische Leistungen zu Wege, wir fuhren mit unseren alten Rädern ein ordentliches Tempo. Wir hatten ja jeder nur einen alten Rucksack aufgeladen, darin waren unsere Wechselklamotten, also eine zweite Jeans und ein zweites Hemd – gut. So ca. 17:00 Uhr fuhren wir in BARCS ein, am Ortseingang sind wir noch mal kurz in eine Kneipe um wieder eine Taubisoda zu trinken und die olle Knoblauchwurst zu verschlingen.

Raus aus der Kneipe und weiter Richtung BARCS Innenstadt, dann konnten wir schon die jugoslawische Grenze sehen. Die damalige dreifarbige Flagge mit dem Stern wehte auf der anderen Seite des Flusses.

Es war gegen 18:00 Uhr – unser Ziel hatten wir gesehen: Jugoslawien, nur mussten wir „ nur „ noch dahin kommen. Eine gewaltige Hürde hatten wir bereits genommen, wir waren im absoluten Grenzgebiet, so dumm es klingt, hier ist man „ sicher „ man wird nicht mehr kontrolliert – man ist ja „drin“. Aber wenn man doch kontrolliert wird, ist es aus – die Motivation ist klar – mind. 1 Jahr „gesiebte Luft“!

Klar konnten wir nicht direkt mitten in der Stadt nach Jugoslawien durchbrechen, die Jugos , so hieß es immer wieder schicken die Leute nach Ungarn zurück . Also sind wir weiter nach links abgebogen – auf die Strasse Richtung PECS. Aus der Stadt waren wir schnell.

Es war klar rechts von uns war der Grenzfluss DRAU, über den wir nach Jugoslawien mussten. Die Strasse entfernte sich immer mehr vom Fluss. Wir mussten endlich runter. Also so ca. nach 1 km sind wir rechts in einen Waldweg eingebogen. Jetzt gab es nur eine Richtung, der Fluss – Jugoslawien. Auf den Waldweg sind wir ungefähr noch 100 m gefahren, dann hörten wir ein Auto.

Die Fahrräder haben wir schnell ins Gelände geschmissen – die liegen wahrscheinlich heute noch dort. Wir haben uns gleich hinterher in den Busch verkrochen aber es passierte nix, es waren wahrscheinlich ungarische Laubenpieper, keine Grenzer. Upss das war der erste Schreck, alles blieb ruhig, so sind wir beide immer Richtung Fluss gelaufen es setzte langsam die Dämmerung ein. Wir sind ungefähr eine halbe Stunde durch Busch und an Bienenfarmen vorbei, dann öffnete sich der Wald und vor uns lag ein abgeerntetes Feld. Rechts war weiter Wald.  An der Schnittlinie Feld zum Wald zog sich ein unbefestigter Weg dahin. Wir liefen immer am Waldsaum entlang, rechts der Wald, links das abgeerntete Feld. Das ging so 200–300 m gut bis Günter auf einmal aufschreckte: Meldedraht!!! und nun sahen wir es:

Vom Waldsaum über das ganze Feld hinweg war ein Meldedraht in Kniehöhe gespannt, dazwischen immer wieder etwa 1 m hohe Haltestreben die sich über das ganze Feld in einer Linie weiter fortsetzten. Die Dinger funktionieren so, irgendwas rennt da rein, spannt den Draht und eine Signalrakete geht hoch. Muss nicht sein – würde uns unweigerlich verraten. Also sind wir noch vorsichtig über den Draht gestiegen und weiter gelaufen, immer an den Waldsaum entlang. Nach etwa 50 m kam der nächste.

Während Günter den wieder vorsichtig überstieg, fuhr mir der Schreck in die Glieder.

Genau vor uns in ca. 150 m Entfernung stand ein Wachturm. Der Turm muss nicht besetzt gewesen sein, oder der Grenzer hat darauf geschlummert. Jedenfalls hat uns keiner entdeckt .Wir sind gleich rechts in den Wald gesprungen. Dort sind wir einen kleinen Hang hinunter gelaufen und standen in einem Sumpf. Günter ging weiter vor, aber er sackte immer tiefer ein. Schließlich bis fast der ganze Unterschenkel im Modder steckte. Bei dem Sumpf musste sich wohl um einen Nebenarm der Drau handeln. Es hatte jedenfalls keinen Sinn hier weiterzugehen. Nun saßen wir in der Falle: rechts konnten wir durch den Sumpf nicht weiter, zurück ging nicht – da waren die Meldedrähte, welche wir jetzt im Dunkeln nicht mehr sehen konnten.

Ja und vor uns der Wachturm . Also sind wir erst einmal dort liegen geblieben. Mittlerweile war es stockdunkel und an dem Wachturm setzte wohl der Postenwechsel ein, man hörte ein Auto ankommen und Gelächter und lautes Diskutieren. Wir waren so nah dran, dass wir jedes Wort hören konnten nur war es ungarisch. Das Auto fuhr wieder ab und alles wurde ruhig. Die hatten uns also nicht entdeckt. So lagen wir nun und brauchten nicht weiter zu überlegen zurück ging es nicht mehr. Wir hörten immer wieder das Geräusch des landens der Wasservögel auf einem Gewässer, das musste die Drau sein, also genau vor uns, besser gesagt hinter dem Wachturm. In unserem Nachtlager wurde es auch langsam ungemütlich, hunderte von Mücken plagten uns, außerdem hatten wir einen gewaltigen Durst, hervorgerufen von der Knoblauchwurst.

Wir machten kein Auge zu, ist schon eigenartig, man liegt da, macht nix und hat einen Puls wie bei einer Bergbesteigung. Es war die nackte Angst.

Gegen Morgen zog langsam der Nebel vom Fluss auf und wurde so dicht, dass der Wachturm nur noch schemenhaft zu sehen war. Jetzt !!! war der Moment gekommen und wir rannten beide los. Günter mehr in der Nähe des Wachturms, ich in etwas grösseren Abstand. Es ging ganz rasch, noch über den mit Betonplatten ausgelegten Weg zum Wachturm und dann dahinter in das Gebüsch gesprungen. Günter war weg, es war nichts zu hören, er muss weiter rechts schon im Gebüsch sein!

Hinter dem Gebüsch verlief eine Art Schneise, diese war ca. 5m breit mit geharktem Sand bedeckt und hat die Funktion die Fußspuren der Grenzbrecher sichtbar zu machen.

Direkt da hinter ging es einen Wall hinauf anschließend wieder herunter ( eine Art Damm ). Da war sie – die Drau.

Ich zog die lange Jeans und das Hemd aus und band mir beides mit dem Gürtel um den Körper dann glitt ich den Fluss und nahm erst mal einen tiefen Schluck, wie köstlich doch gewöhnliches Flusswasser schmecken kann. Ich schwamm immer auf eine Baumgruppe zu, wurde aber ganz schön nach links abgetrieben. Am Ufer angekommen war es zuerst einmal ein Problem aus dem Fluss zu kommen, das Ufer war der reinste Sumpf. Es glückte mir dann über einen abgestorbenen Baum rauszuklettern und nun stand ich auf festen Grund. Noch ein paar Schritte in den Wald und dort zog ich mich wieder an. Meinen DDR Personalausweis steckte ich in meinen Schuh und lief weiter, aber was war das vor mir war wieder Wasser, ich war auf einer Insel!

Ohne lange zu überliegen durchschwamm ich den Flusslauf nun komplett angekleidet. Das Flussufer hier hatte aber glücklicherweise festen Untergrund. Noch die Uferböschung hinauf und ich stand auf einem Feldweg, vor mir ein Maisfeld. Ich bin dann den Feldweg rechts weitergerannt und das mit nassen Klamotten. Nach ca. 10 min bin ich in ein Dorf gekommen und ein paar Hunde kläfften sonst war niemand zu sehen. Als ich aus dem Dorf wieder raus war kam von hinten ein alter 500 er Fiat. Der Fahrer in Uniform hielt an! Ich weiß bis heute nicht was den bewogen hat mich mitzunehmen. Vielleicht war er einfach nur nett! Er hatte zwar eine Uniform an, aber das muss eine Eisenbahneruniform oder so gewesen sein. Ich stieg jedenfalls ein, weglaufen wäre erst recht auffällig gewesen.

Allerdings sah ich mit meinen dreckverschmierten nassen Klamotten auch erbärmlich aus. Ich erzählte mit meinen rudimentären Russischkenntnissen etwas von „ Vitrovitica – Wocksal „

( Der Nächste größere Ort – Bahnhof ). Er schien das zu verstehen und los ging es.

Nach ca. 1 min Fahrt lief auf der rechten Strassenseite Günter im Schweinsgalopp. Ich sagte dem Fahrer etwas von „Stopp und Kamerad“. Er hielt an und Günter stieg ein. Wir fuhren nun einige Minuten bis in den nächsten größeren Ort VIROVITICA. Dort setzte uns der freundliche Helfer tatsächlich vor dem Bahnhof ab. Aber es galt erst mal sich vernünftig anzuziehen. Ich sah aus wie ein Schlammspringer. Günter und ich hatten ja vereinbart, dass er unsere Wechselklamotten in seinen Rucksack mit durch den Fluss befördert und wir uns nach der Flussüberquerung umziehen. Leider hatte er meine Sachen aber weggeworfen. Günter war ja mit frischen Klamotten angezogen und so machten wir ein „Klamottensharing“. Günter behielt seine Sporthosen und sein Hemd, ich bekam die lange Jeans und ein T-Shirt. Wir gaben nun schon ein komisches Paar ab, aber ein sauber angezogenes. Wir mussten nun auf die deutsche Botschaft in Belgrad. Im Bahnhof fanden wir kein Zug der nach Belgrad fuhr, so gingen wir auf die Fernverkehrsstrasse und versuchten es mit Autostopp. Nach gut 2 Stunden hatten wir endlich Glück, es hielt ein Lastwagen. Der Fahrer wollte über Belgrad nach Skopje. Mensch haben wir ein Glück, der Fahrer konnte etwas deutsch, er hatte irgendwo im Ruhrgebiet gelebt, wir erzählten ihn: wir wären aus Stuttgart, man hätte uns das Auto geklaut und nun müssten wir auf die Botschaft nach Belgrad. Er versprach uns direkt in Belgrad Stadtmitte rauszulassen, wir konnten unser Glück kaum fassen. Aber dann mitten in OSJEK passierte es, der schon etwas altersschwache Lastwagen heulte auf und es ging nix mehr es stellte sich heraus, die Kardanwelle war gebrochen. Doch Glück im Unglück, wir waren ja mitten in der Stadt Osijek. Der Fahrer erklärte uns noch, wie wir zum Busbahnhof kommen. Dort wechselten wir bei einem Taxifahrer die 50 DM ( West ) die jeder von uns mitgenommen hatte. Die hatte ich übrigens auch im Schuh versteckt!

Am Busbahnhof kauften wir uns erst mal ein Busticket nach Belgrad. Dann fuhren wir ganz souverän mit dem Linienbus nach Belgrad und kamen dort nachmittags an. Wir wussten, dass die deutsche Botschaft in der Strasse „ Kneza Miloscha „ ist, und nach einigen herumirren fanden wir diese dann auch.

Was für ein Anblick : die Deutsche Dienstflagge und ein Portrait des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker!

Vor der Strasse stand so eine Art Pförtnerhäuschen in dem ein jugoslawischer Polizist saß, der wollte nix von uns. Wir klingelten und wurden eingelassen. Es war Sonntag somit waren keine Offiziellen da und wir wurden aus Sicherheitsgründen in ein Zimmer im Erdgeschoss gebracht und dort eingeschlossen. Der Sicherheitsbeamte brachte uns ein Bier und war bemüht für uns im Fernsehen den optimalen Kanal zu finden. Wir waren nun seit Samstag früh unterwegs und sollten eigentlich etwas schlafen. Aber die Aufregung war zu groß und wir fanden keinen Schlaf. Am nächsten Morgen wurden wir getrennt vernommen, vor allem sollten wir den Fluchtweg erklären, wir hatten ja noch unsere DDR Personalausweise dabei, die wurden uns abgenommen, es sollte im Falle einer Durchsuchung an der Grenze nichts auf unsere DDR Herkunft hinweisen. Dann wurden Polaroidbilder von uns gemacht und wir erhielten Ersatzreisepässe. Damit konnten wir nun Jugoslawien verlassen. Sollten uns die Behörden an der Grenze Schwierigkeiten machen, so würde ein Beamter der Botschaft kommen und uns helfen.

Nun bekamen wir noch jeder 90.000 jugoslawische Dinar, davon kauften wir uns die Fahrkarten nach Giessen und fuhren am Montag, den 07. September 16:15 Uhr vom Belgrader Bahnhof mit dem Zug nach Frankfurt/Main in die Freiheit!!! Alles ging klar, wir erreichten am Dienstag den, 8. September 1987 Frankfurt und fuhren 15:20 weiter nach Giessen in die Bundesaufnahmestelle.