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* = Namen geändert

Es ist irgendwann im Oktober 1986 Günter und ich sitzen in seiner Dachwohnung in der Weststraße in Radebeul, die Verzweiflung treibt immer weitere Blüten und auch die Pläne werden konkreter. Mitterweile habe ich nun schon seit Februar 1984 einen Ausreiseantrag gestellt und es tut sich eigentlich nichts!

Zahlreiche Bekannte aus Radebeul haben, obwohl die erst viel später einen Ausreiseantrag gestellt hatten, die DDR bereits verlassen können. Aber bei uns regt sich nichts …. Wir wissen nicht woran es liegt, sind wir zu brav, die Stasi will keine Schablone erkennen lassen, nach der die Ausreisen bewilligt werden. Ist doch eigentlich klar, sonst könnte man eine Art Kochrezept für die Ausreise erstellen. Doch die Ungissheit ist schwieriger zu ertragen als eine wie auch immer geartete Realität. Nachdem ich Anfang Oktober wieder eine Vorladung beim Rat der Stadt Abteilung Inneres erhalten hatte, wurde eines klar gemacht „ eine Ausreise aus dem sozialistischen Arbeiter und Bauernstaat kommt für Sie nicht in Frage“.

Verzweiflung die Mut macht- . Danach war mir eigentlich klar , die Brüder werden uns nie freiwillig gehen lassen .Wenn man den verpflichtenden Wehrdienst bei Volksarmee noch nicht abgeleistet und dann die Armee ruft , hat man 2 Alternativen:

1. man fügt sich und leistet seinen 18 monatigen Wehrdienst ab, mit der Konsequenz das danach 2 Jahre ein verlassen der DDR nicht möglich ist , da man ja zuviel Geheimnisse der Kriegsführung erfahren hat , nach den 2 Jahren kann man dann zur Reserve eingezogen werden und das Spiel geht von vorne los --- never ending story ergo ---nicht anstrebbar .

2. man verweigert den Dienst an der Waffe für den sozialistischen DDR Staat, die Quittung dafür sind dann 2 Jahre Gefängnis irgendwo in den 3 großen DDR Zwingern mit dem berüchtigten B also Bautzen , Brandenburg oder Bützow . Nach den 2 Jahren Knast kann es dann sein, man wird nicht in die Bundesrepublik sondern, sozusagen als abschreckendes Beispiel, in seinen Heimatort entlassen.

Essenz: weder Alternative 1 noch 2 sind erstrebenswert. Wir mussten es selbst in die Hand nehmen….

Bettina und ich waren zu dieser Zeit noch ein ohne Trauschein zusammenlebendes Paar , wir lebten mit unserer Tochter in einer Werkswohnung des Arzneimittelwerkes Dresden in Radebeul. Ein alter Bau mit Plumpsklo , Prophanherd und zwei Zimmern , direkt hinter dem Haus , was sich eigentlich noch auf dem umzäunten Werksgelände befand , reckte sich ein 150 m hoher Schornstein in die Höhe , der die ganze Gegend mit seinen feinen schmierigen Russpartikeln überzog . Viel schlimmer konnte es nicht mehr kommen!!! Bettina hatte selbstverständlich mit mir gemeinsam auch im Feburar 1984 einen Ausreiseantrag gestellt, nur für die Behörden waren wir, da nicht verheiratet, 2 unabhängige Personen. Das bedeutet, wenn eine Person ausreisen darf, so kann im schlechten Fall der oder die andere noch lange in der DDR schmachten. Nicht nur aus diesem Grund heirateten wir am 30.Januar 1987, es war ein richtiger Wintertag mit Schnee und Matsch. Das hat für den Bestand der Ehe wenig zu sagen. Die Hochzeit haben wir nur im engsten Familenkreis gefeiert und auch vorher drüber keine Ankündigung den Kumpels und Freunden gegenüber gemacht. Denn auf einen ausgiebigen Polterabend hatten wir wenig Lust, es wären doch zu viele Leute gekommen, die aufwendig bewirtet werden müssten.

Also in aller Heimlichkeit waren wir nun ein Paar geworden. Leider war es so, dass weder Bettina noch ich so richtige „ Westverwandschaft „ hatten, es war also keiner da der uns von der Bundesrepublik hätte unterstützen können. Mit der Unterstützung meine ich, dass im Falle einer Inhaftierung wegen „ Republikflucht „ oder ähnlichen schwerwiegenden Vergehen, keiner seitens der Bundesrepublik dafür Druck gemachte hätte uns freizukaufen. Die Behörden der DDR brachten es fertig willkürlich auch Leute, die wegen Republikflucht oder ähnlichen Vergehen inhaftiert wurden, wieder in die DDR zu entlassen. Das war dann der Super GAU. Es war also wichtig, dass offizielle Stellen in der Bundesrepublik wussten, es gibt da im tiefsten Osten 3 Leute die unbedingt aus dem Arbeiter und Bauernstaat raus wollen. Wie soll man es aber anstellen, auf sich aufmerksam zu machen??? Nun ein Brief z.B. ans Bundesmisterim für innerdeutsche Angelegenheiten ( dieses Ministerium gab es damals ) zu schreiben, hätte als Ergebnis: der Brief kommt nie an und man kann so mit mindestens 18 Monat Haft rechnen. Das Vergehen wäre dann nach § 99 geahndet worden ( Miteilung von nicht der Geheimhaltung unterliegenden Informationen an den Klassenfeind ). Also keine wirkliche Zielführende Aktion .

Ein Besuch bei der ständigen Vertretung der BRD in Berlin Hannoverische Straße war auch nicht möglich, da das Gebäude streng abgeriegelt war, nachdem es einige Botschaftsbesetzungen gab. Das heißt Ausreisewillige haben das Gebäude aufgesucht und es nicht mehr verlassen, bis die DDR ihre Ausreise bewilligte. Das hätten wir auch tun sollen, aber dafür fehlte es erst mal an Mut und der Leidensdruck war wohl nicht hoch genug. Wie also auf sich aufmerksam machen ohne dass man dafür gleich gesiebte Luft atmen durfte.

In Berlin gab es auch noch die Botschaft der USA, es war die Ronald Reagan Ära, die USA waren der Lichtstrahl der Freiheit. Die Botschaft war auf der Neustädter Kirchstrasse, einer Querstrasse zur der Straße unten den Linden. Es war möglich, diese zu betreten. Es standen zwar Vopos zur Abschreckung davor aber man kam herein. In der Botschaft gab es noch eine Bibliothek die natürlich auch allen offen stand, die in das Botschaftsgebäude wollten. Eine kluge Idee der Amis, so konnte man das Gebäude betreten ohne dass die Stasi nachweisen konnte, was man eigentlich wollte. Man kann doch schließlich die amerikanische Bibliothek besuchen! Also fuhr ich im Mai 1987 nach Berlin. Im Gepäck hatte ich alle Unterlagen, die wichtig waren, also Geburts und Heiratsurkunde, Facharbeiterbrief und ein Schreiben in dem wir unseren Ausreisewunsch dargelegt hatten. Mein Gott, hätten mich die Stasi Leute damit erwischt – das wäre bitter geworden.

Also bin ich in das Botschaftsgebäude spaziert, erst mal durch eine Sicherheitsschleuse. Nach der Sicherheitsschleuse ging es links in die Bibliothek aber ich habe den Wachmann gesagt, dass ich einen Offiziellen der Botschaft sprechen wollte. Es kam auch sofort ein älterer Herr, lässig mit Zigarette im Mund. Eben so wie man sich damals einen Amerikaner vorgestellt hatte .Ich erzählte ihn kurz unseren Ausreisewunsch und übergab ihn die Dokumente. Der nette Herr sagte mir, die Dokumente werden mit Botschaftskurier an die ständige Vertretung der Bundesrepublik übergeben. Ich könne sicher gehen, dass die dort ankommen aber sonst könne er nichts für uns tun. So, nun war ich erst mal glücklich dass unser Ausreisebegehren zumindest bei offiziellen Stellen der Bundesrepublik bekannt war. Mission erfüllt, in der Bibliothek habe ich mir noch ein paar Prospekte und eine Landkarte der USA mitgenommen. Dazu bekam man eine Einkaufstüte mit der aufgedruckten USA Flagge – ein wahrer Schatz. damit habe ich dann das Botschaftsgebäude verlassen und mich gewundert das kein Mensch was von mir wollte. So bin ich dann von der Neustädter Kirchstrasse auf die Straße untern den Linden eingebogen. Dort bin ich ca. 400m gelaufen als 2 Vopos auf mich zukamen. „ Ihre Papiere bitte vorzeigen „. Also zeigte ich meinen Personalausweis vor. Der Vopo hatte ein Sprechfunkgerät umhängen und das Mikrofon hatte er um den Hals gehangen so sprach er meine Personalien in das Mikrofon und ich musste es noch mal wieder holen. Also „ Ronald Müller 8122 Radebeul…. So haben es jetzt Ihre Genossen mitschreiben können „ Ich solle nicht frech werden und tschüss somit war die Sache erst mal beendet. Ehrlich, ich dachte nun irgendwo werden die dich abgreifen, aber es geschah nichts, ich bin unbehelligt in Radebeul angekommen. Dafür lag am nächsten Tag eine Karte im Briefkasten, wir sollten uns zur „ Klärung einer Angelegenheit „ beim Rat des Kreises Abteilung Inneres ( das war eine Behörde der Stasi ) einfinden. Dort markierte der Stasimann den ganz Harten, von wegen man könne mich sofort einsperren wegen § 99 illegale Verbindungsaufnahme und so weiter. Aber ich fragte ihn was er eigentlich wolle, ich sei ja nur in der Bibliothek gewesen und das ist ja schließlich nicht verboten. So hatte er sich richtig ausgetobt aber eine Konsequenz folgte nicht. Aber wir mussten gewaltig aufpassen und vor allem keinen sagen, was ich auf der USA Botschaft gemacht hatte. So richtig trauen konnte man eigentlich keinen mehr, bis auf Günter. Es hatten sich doch eigenartige Dinge abgespielt – so zum Beispiel ist ein Bekannter von uns 2 mal betrunken Auto gefahren und hatte jedes mal nach einem Monat seinen Führerschein wieder zurück. Für welche Gegenleistungen ??? Es ist Juni 1987 , Selbstmord wäre eine Flucht über die innerdeutsche Grenze oder die Berliner Mauer .In Günters Wohnung beratschlagten wir beide , wo wohl am besten die Flucht gelingen könnte und wo wir im Falle einer Entdeckung nicht gleich erschossen werden.

Es schien uns am ehesten möglich über Ungarn in die Freiheit zu kommen. die Grenze zu Österreich war das Ziel vieler Fluchtwilligen. Die meisten versuchten es da am Neusiedler See, man hörte aber auch öfters, dass dies nicht gelungen war. Die Ungarn selbst hatten wenig Eigeninteresse die Grenze hermetisch abzusichern, aber als „ Bruderstaat „ der DDR hatten sie die Aufgabe die DDR Bürger an der Flucht zu hindern. Wir erinnern uns an die Grenzanlagen die erst im Herbst 1989 abgebaut wurden, aber damals 1987 konnte das keiner ahnen und 1987 sah es für uns auch so aus, als würde die DDR noch ewig existieren. Damit auch die Unsitte der Kommunistischen Machthaber ihr Volk einzusperren wie Hunde. Nur Rentnern und regimetreuen Personen war es erlaubt, die DDR besuchsweise Richtung Westen zu verlassen. Ja selbst von denen kehrten einige nicht wieder zurück. Also wir wollten es über Ungarn versuchen, nach dem Studium der Landkarte entschieden wir uns für die Südgrenze zum damaligen Jugoslawien. Jugoslawien, war für die DDR bereits das so genannte NSW ( Nicht Sozialistische Welt ). eigentlich war ja die ganze Welt NSW, denn die sozialistische Welt – also die Staaten, die man als DDR-ler bereisen konnte waren die CSSR, Ungarn, Rumänien, Bulgarien die UdSSR und eingeschränkt Polen (dort machte die solidarnoc den Kommunisten gehörig zu schaffen und die hatten Angst das antisozialitisches Gedankengut herüberschwappt). Hatte man also ein NSW Land erreicht musste man sich auf die Botschaft der Bundesrepublik begeben. Dort wurde man als DDR Bürger mit den notwendigen Papieren ausgestattet um in die Bundesrepublik zu gelangen. Denn nach dem Grundgesetz waren wir DDR Bürger auch Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Man denke daran die DDR wurde ja nicht von der BRD völkerrechtlich anerkannt. Ein gigantischer Trumpf der ja somit jeden DDR Bürger zum „ Wessi „ machte, sollte er das Kunststück der Flucht hinbekommen.

Die Gegend des Grenzdurchbruches sollte das Gebiet um Barcs sein. Die Grenze stellt dort die Drau ( Drava ) dar, ein Fluss der später in die Donau mündet. Wir dachten dort würde die Grenze wohl eher am nachlässigsten gesichert sein, da ja der Fluss bereits ein natürliches Hindernis darstellt. Bereits 1981 waren wir mit einigen Kumpels in Ungarn per Autostop unterwegs . Damals waren wir in der Gegend von Szeged auch in der Grenznähe . Dort waren Jugendliche als mobile Grenzpatrolie unterwegs. Die hatten von der DDR ein Moped S 50 bekommen, dafür sollten die im Vorfeld der Grenze DDR-ler aufspüren. Konkret bedeutete das , stieg man aus einem Auto aus oder wurde an der Straße gesehen so stellten die Grenzhelfer erst mal die Identität fest und dann wurde beobachtet wenn man wieder weiterfuhr. An den Telegrafenmästen waren unten kleine Kästen angebracht von dort aus telefonierten die Grenzhelfer die Mitteilungen weiter. Man stand also die ganze Zeit im grenznahen Bereich unter Beobachtung. Zur eigentlichen Grenze waren es aber einige Kilometer. Aus diesen Erinnerungen war klar , die Hauptschwierigkeit würde darin bestehen überhaupt in das Grenzgebiet zu kommen . Öffentliche Verkehrsmittel waren ausgeschlossen, man würde unwillkürlich kontrolliert werden, einmal wäre das okay aber wenn man dann öfters auffällt und die Ungarn in der DDR nachfragen wer der Delinquent ist. Ein Ausreisewilliger der sich im Grenzgebiet aufhält – da braucht man keine Märchen mehr von wegen Verlaufen und so zum Besten geben. Eine theoretische Möglichkeit wäre, dass man von einem ungarischen oder westlichen KFZ in die Grenznähe chauffiert wird und dann dort sein Glück versucht. Aber wer sollte das für uns tun? Dann wäre noch eine Möglichkeit, man fährt mit einem normalen Fahrrad in das Grenzgebiet hinein.

Die Ungarn selbst radeln dort auch von Ort zu Ort, das schien am unauffälligsten – diese Variante wählten wir. Zuerst einmal mussten wir die Fahrräder nach Ungaren transportieren und vor allen davon sollte niemand wind bekommen. Ende August sind Günter und ich dann mit unseren Fahrrädern zum Dresdner Hauptbahnhof gefahren. die Fahrräder es handelte sich Modelle, aus den sechziger Jahren hatten keine Gangschaltung oder dergleichen Schnickschnack. Günter war mächtig stolz, dass er zumindest eine Felgenbremse fürs Vorderrad hatte. Ich hingegen hatte eine Stempelbremse mit Gestell, so was kennt heute niemand mehr. Wenn man bremsen wollte drückte über ein Gestänge ein gummibesetzter Stempel von oben auf den Vorderreifen– keine große Wirkung. Aber auf die Rücktrittbremse konnten wir uns verlassen. Das „ Einchecken „ der Fahrräder hatte Günter organisiert , er arbeitete ja bei der Reichsbahn . so weit ich mich erinnere klappte das ganz gut. Die „ Fluchthilfsmittel „ waren auf der Reise nach Ungarn – genau nach Balatonfonyod am Südufer des Balaton.

Wir selbst starteten am Mittwoch, den 02. September 1987gegen Mittag mit den Zug nach Budapest. Wir beide hatten ordentlich Urlaub eingereicht und auf Arbeit und allen anderen erzählt, wir würden an die Ostsee fahren. Natürlich wusste Bettina und Günters Freundin Suleika* bescheid. Suleika selbst war nicht besonders mit konspirativen Fähigkeiten gesegnet so dass immer die Gefahr bestand, dass sie sich verplappert. Günter beschwörte sie daher den Mund zu halten, was half. Sonst wusste absolut Niemand bescheid. Bettina war relativ cool, da sie dachte wir würden sowieso nur große Töne spucken. Mitternacht am 02.09 in Prag, viele Passagiere sind ausgestiegen und ich lege mich ins Nachtbarabteil um etwas schlafen zu können. Der Zug hatte in Prag eine Stunde Aufenthalt, als mich ein Uniformierter mit lauten Getöse weckt. Zuerst bekomme ich einen Schreck, aber dann stellt sich heraus, dass sich im Abteil irgendeiner in die Ecke erbrochen hat. Jedenfalls machte der Kerl ein Riesentheater und schmeißt mich aus dem Zug. Er stellte sich vor die Tür und wollte mich auch nicht mehr reinlassen. Na klasse, da ist man unbeschadet durch die DDR Grenzkontrolle gekommen und dann so was. Also lauf ich den Zug lang und steige weiter vorn wieder ein. Der Knaller hat es nicht gesehen. So laufe ich im Zug zurück in unser Abteil, in dem Günter vor sich hindöst und nehme mir vor jetzt schön bis Budapest wach zu bleiben. Es ist Mittwoch, der 03. September 1987 und wir kommen in Budapest auf dem Bahnhof …. an .

Mit einer Vorortbahn fahren wir zum Zeltplatz Romöfordoy und schlagen dort unser Zelt aus. Genau genommen, ist es Günters Zelt, in der DDR ein ziemlicher Schatz dem nun beschieden ist, in Ungarn zu bleiben. Auf dem Zeltplatz treffen wir dann dummerweise noch Willy* einen Bekannten aus Radebeul .Er ist vor allem hier um seine Pink Floyd Plattensammlung zu erweitern, Ungarn ist so eine Art Einkaufsparadies für die DDR-ler. Hier gibt es Jeans und Westschallplatten, wenn auch alles ziemlich teuer, aber es hat schon einen Geschmack nach freier, westlicher Welt .Jedenfalls ist nun Willy* der letzte unserer Radebeuler Bekannten, der uns für lange Zeit gesehen hat …